Global Resourcing mit Stolperfallen - Fiktion oder Wahrheit?

Global Resourcing mit Stolperfallen - Fiktion oder Wahrheit?
Natürlich ist ein Einkauf ab der Quelle, möglichst beim Produzenten einer Ware, aus betriebswirtschaftlichen Aspekten für ein Handelsunternehmen eine lukrativ aussehende Sache. Die Umgehung des Zwischenhandels verspricht vermeintlich einen unschlagbar günstigen Gestehungspreis eines Artikels. Der Grundgedanke ist transparent und sonnenklar, ein Flug erscheint bezahlbar und ein Ausflug nach beispielsweise Guangzhou in der chinesischen Provinz Guangdong zur dortigen Weltmesse des Exports preiswerter Chinaprodukte (Canton Fair) wirkt sehr lohnenswert. Dort gibt sich die Creme der Exporteure ein Stelldichein und verdealt containerweise Gebrauchsgüter und sowohl Haushalts- als auch Geschenkartikel.

Einkäufer aus aller Welt sind natürlich auch zugegen und die Atmosphäre auf den gigantischen Messen ähnelt sich in ganz Asien. Die Canton Fair sei hier nur als Beispiel herangezogen, weil sie zu den bekanntesten und größten Fachmessen Asiens gehört. Die Einkäufer der großen Handelshäuser sprechen entweder Cantonesisch oder Mandarin (die beiden hauptsächlichen Landessprachen) oder haben alternativ einen einheimischen Mitarbeiter dabei, welcher Dolmetscheraufgaben erfüllt und weitere Dienste leistet. Cargounternehmen und Reedereien für Containercargo sind in Rufweite auf den Messen zugegen und offerieren recht wettbewerbsfähige CIF Raten (Cost, Insurance and Freight) ab den naheliegenden Seehäfen im Pearl River Delta (Shenzhen, Zhouhai oder Hong Kong) für ganze Containerladungen in alle Welt.

Der Fachbesucher ist sich hier nicht bewußt, dass er bereits im Radar der Gauner ist. Er wird beobachtet und später kontaktiert, ein gut gekleideter und gut Englisch sprechender Geschäftsmann verwickelt die Neulinge in belanglose Gespräche und bietet vielleicht einen Drink an. Er hat exzellente Umgangsformen und weist sich per Visitenkarte (formvollendet mit beiden Händen haltend überreicht) als Geschäftsmann und Direktor oder Inhaber einer Handelsfirma aus. Ein weiterer Messerundgang findet nun in seiner Begleitung statt und er erweist sich als sehr hilfreich. In weiteren Gesprächen wird die Kapitalkraft und das Interessengebiet ausgelotet, nicht auffällig, sondern in freundlicher und verbindlicher Form, oft im Rahmen von Gesprächen bei und mit Ausstellern. Zwischenzeitlich erfolgen Handytelefonate in unauffälliger Form, hier werden bereits Helfershelfer instruiert.
Der Artikel von Interesse, nehmen wir einmal an LED Handlampen, ist bereits definiert. Es werden weitere Hersteller von LED Handlampen auf dem Messegelände aufgesucht und Preise verglichen. Bei einem weiteren Drink werden Witzchen erzählt und der Messebesucher wird nun für den Abend zum Dinner eingeladen. Gute Freunde des freundlichen Herrn treffen sich, rein zufällig auch nach der Messe zum Essen.

Das Essen schmeckte famos, die Geschäftsfreunde sind fröhlich und in Feierlaune. Ein Herr gibt sich als Exporteur für LED Handlampen aus, macht aber keine besonderen Anstalten, dem Besucher etwas verkaufen zu wollen. Die Gesellschaft verlagert sich in eine Bar am Stadtrand, leichte Mädchen in Bikinis oder knappen Gewändern setzen sich dazu und der Whisky oder Cognac fließt in Strömen. Der LED Lampen Exporteur wirkt schon etwas betrunken, beginnt aber ein Gespräch über den Bedarf des Messebesuchers. Nach kurzer, Diskussion lässt er sich von einem Fahrer in Livree einen Karton Muster bringen. Der Messebesucher sieht sich dem geschäftlichen Erfolg seiner Reise nahe. Der Preis erscheint sehr günstig, die Abnahmemengen beziehen sich auf 40-Fuß-Containerlots. Etwas viel und mehr als geplant, doch die sexy Mädchen werden aufdringlicher und das Separee ruft.

Aus dem Muster-Umkarton dürfen kleinere Gebinde abgegriffen werden, die Gepäcklimitierungen der Airlines verhindern eine allzu großzügige Bestückung. Zufällig hat der urspüngliche Erstkontakt morgen Zeit und einen Wagen nebst Fahrer vakant. Die neue Freundschaft erweist sich als sehr nützlich und anstatt sich morgen , am letzten Messetag erneut die Fußsohlen abzuwetzen, wird ein anderes Angebot gemacht. Der Besuch einer tollen Attraktion tagsüber und eines noch besseren Herrenclubs mit noch leichter geschürzten Schönheiten am Abend. Unser Protagonist erliegt der Versuchung und willigt ein. LED Lampen hat er ja nun und der potenzielle Verdienst ist ja schließlich gewaltig.

In der Folge erlebt der Importeur in spe noch einen schönen Tag und die Übergabe weiterer Muster zur Begutachtung. Die detaillierte Schilderung des Abschiedsabends ersparen wir uns aber. Sehr happy erfolgte der lange Heimflug und der "irrevocable LC" (nicht wiederrufbare Bankbürgschaft ) war schon in der Folgewoche im Kurierdokumenteversand nach China. Wegen der guten Bonität daheim, erhielt er diese Bankbürgschaft als Darlehen im Rahmen einer Kreditvereinbarung mit seiner Hausbank.

Alles nahm nun seinen Lauf, der "chinesische Exporteur" bestätigte den Empfang und versprach in der folgenden Kalenderwoche zu verschiffen. 16,8 Tonnen wog die Ladung und die 2.300 US-$ für die Fracht im Container überwies unser Protagonist schnell an die Reederei. Nun wurde nur noch gewartet, denn der Seeweg war ja weit. Zwischenzeitlich kamen auch die Zoll- und Verladedokumente an, nichts erregte Verdachtsmomente.

Ein Lagerraum wurde angemietet und ein Spediteur mit dem Importhandling und dem Transport beauftragt, als der Container in Hamburg ankam. Per LKW sollte angeliefert werden. Der große Überraschungsmoment überrollte unseren frischgebackenen Importeur, als er freudestrahlend die Ladelukenplomben entfernte und den übel riechenden Altcomputerschrott nebst Paletten überlagerter Batterien in Empfang nahm, 16,8 Tonnen davon, aber nicht eine LED Lampe war dabei. Das weiterer Transport des Sondermülls nun weitere Kosten, auch für die Entsorgung verursacht, daran dachte er in diesem Moment gar nicht. Wutentbrannt fuhr er zu seiner Hausbank, wo der Banker ihn nun aufklärte, was das "irrevocable" in der Bankbürgschaft bedeutete. Unwiederruflich ist die korrekte Übersetzung und das geborgte Kapital war somit unwiederruflich verloren.

Das war nur eine fiktive Anekdote zur Realität, wie sie aber schon sehr vielen angehenden Importeuren wiederfahren ist. Kriminelles Gebaren fernöstlicher Kaufleute ist häufiger anzutreffen, als Außenstehende denken. Thailand und besonders auch Vietnam sind ebenfalls davon betroffen. Exakt so oder auch in ähnlicher Form, wurden schon viele gutgläubige Händler in aller Welt um ein Vermögen geprellt. Die Vorgehenweise der Betrüger ist meist schematisiert:

Die Opfer werden zunächst nur observiert, um lohnenswert erscheinende Neulinge herauszufiltern.
Ein Kontaktmann mit extrem guten Umgangsformen und Sprachvermögen spielt den freundlichen Schlepper.
Üppige Bewirtungen sind oft recht vollumfänglich (Essen, Drinks, Zigarren, Sex).
Geschäftsparameter und Kapitalstärke werden sehr genau ausgelotet.
Passende Geschäfte werden wie zufällig angeboten, keineswegs gezielt.
Muster wurden zwischenzeitlich von Strohmännern im seriösen Handel aquiriert.
Auf Vorkasse wird verzichtet, weil man ja nun "befreundet" ist, die Lieferung erfolgt per "irrevocable LC".
Versendet wird wertloser Plunder, damit werden die Verschiffungsdokumente kreiert.
Die Schein- oder Briefkastenfirmen sind schon längst nicht mehr erreichbar, wenn der Schwindel aufkippt.

Wie kann so etwas verhindert werden? Nur durch eine persönliche Anwesenheit vor Ort beim Ladevorgang oder durch Einschaltung einer Vertrauensperson (Load Checker). Seecargounternehmen bieten die Vermittlung solcher Inspektoren an, auch helfen Handelskammern in diesen Fällen weiter. Eine strafrechtliche Verfolgung der Betrüger im Ausland ist sehr kostenintensiv und weniger aussichtsreich. Der Einkauf über bewährte Agenten oder hiesige Importeure, erspart dem Handel solche Totalverluste.

Autor: Kerim Alkim

Dieser Blogartikel wurde am Samstag, den 17. März 2012 veröffentlicht. Kommentare zu diesem Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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